Erzbischof Jukka
Paarma
Wenn nicht der Herr das Haus
baut...
Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder
umsonst, der daran baut.
Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter
umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt,
um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf. (Ps. 127:1-2)
Liebe
Gemeinde,
Dieser
Psaltertext aus dem Alten Testament ist in der Kirche Finnlands für den
heutigen Sonntag bestimmt. Er passt besonders gut zu unserer heutigen
Situation. Wir sind versammelt zu einem Gottesdienst und einem Fest, denn die
Finnische Gemeinde in Berlin weiht ihr neues Gemeindezentrum ein. Die Arbeit
der Kirche und der christlichen Gemeinde ist umsonst, alles Bauen und Wirken
ist umsonst, ohne den Segen des Herrn. Man baut umsonst, man bemüht sich
umsonst, wenn der Herr nicht mithilft. Deswegen sind wir heute hier. Wir bitten
um Gottes Segen, für uns selbst, für unsere Gemeinde und für die Arbeit der
christlichen Kirchen. Wir tun dies im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes, dass
er mit uns ist, auch heute. Hier liegt der Grund für die Arbeit unserer
Gemeinden. Im Vertrauen, dass der Herr mit uns ist, dass Er bewacht, dass die Saat
des Wortes Früchte und Segen in unser Leben bringt.
In der Gemeindearbeit
brauchen wir solches Vertrauen auf Gottes Mithilfe. Oft sieht es aus, dass ganz
andere Mächte mehr und mehr Raum und Macht in unserer Welt haben. Egoismus,
Hass und Materialismus verdrängen oft Nächstenliebe, Verantwortlichkeit und
Leben nach Gottes Willen.
Heute brauchen wir vor allem eine Ermutigung. In jüngster Zeit haben wir uns in
Finnland über einige Ergebnisse von Meinungsumfragen gefreut. Sie haben
berichtet, dass die Bewertung der Kirche und der christlichen Werte einen
kleinen Aufschwung erlebe. Diakonische Arbeit der Kirche, Jugendarbeit und
sozialethische Stellungnahmen der Kirche sind geschätzt und haben Anerkennung
gefunden. Laut der letzten Meinungsumfragen hat man heute mehr Vertrauen auf
unsere Kirche als seit langem.
Natürlich wissen wir, dass Resultate solcher Untersuchungen wie eine
Wellenbewegung von Ebbe und Flut sind. Die Beteiligung an kirchlichen
Aktivitäten scheint sich nicht wesentlich verändert zu haben. Wir wollen in
Finnland den Glauben unseres Volkes an Jesus Christus nicht sehr laut
ausposaunen. Dasselbe gilt für die Bereitschaft ihm zu folgen und seinen Willen
im täglichen Leben zu verwirklichen. Denn ungeachtet der Ergebnisse dieser
Meinungsumfragen haben wir das Gefühl, dass sowohl Informationsgehalt
wie auch Annahme des christlichen Glaubens im Abnehmen sind.
Von
Deutschland und anderen europäischen Ländern haben wir ähnliche Aussagen
gehört. Religiosität als Phänomen ist im Aufschwung und religiöse Nachfrage und
Suchen sind im Steigen. Gleichzeitig befindet sich aber der Raum und das Ziel
dieses Suchens ausserhalb traditioneller Religionsformen, und vor allem
ausserhalb der europäischen Mehrheitsreligion, dem christlichen Glaube in evangelischer oder katholischer Form. In
unserer Welt von Globalisation und in dem sich integrierenden Europa scheint
der Säkularismus einerseits, der Pluralismus und die zunehmende Konkurrenz
zwischen Religionen und Ideologien anderseits, mehr und mehr das Christentum und die Stellung der Kirchen zu
bedrohen und zu erdrücken. Früher waren
wir eine Mehrheitskirche, werden wir in Zukunft eine Minderheitskirche sein?
Die
Bibel mahnt uns jedoch tiefer zu schauen und
nicht nur auf der Oberfläche zu verweilen. Jesus hatte oft ein Wort der
Ermutigung für jene die Angst hatten, weil die eigene Schar so klein war. Sogar
ein Senfkorn wir zu einem mächtigen Baum wachsen! Der Autor des Hebräerbriefes
sagt: “Glaube aber ist: Feststehen in dem was man erhofft, überzeugt sein von
Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr. 11:1)
Dinge
die man nicht sieht! Ich möchte ein Beispiel erzählen. Es ist in meinem
Gedächtnis haften geblieben, vielleicht deswegen weil ich im Norden wohne, in
einem Land wo es ab und zu kalt sein kann. Es war mein erster Flug über den
Nordatlantik, eine Reise zur Pfarrerkonferenz in Island. Als wir oberhalb der
norwegischen Küste waren, konnte ich auf interessante Bohrplattformen
hinabschauen und sah, wie die kostbare, schwarze Energie aus dem Meeresboden gepumpt wurde. Plötzlich
sagte mein Nachbar, ein erfahrener Reisender: “Hier fliesst der Golfstrom.“ Ich
erinnerte mich, was ich in der Schule von Meeresströmungen gelernt hatte. Ich
wusste wie lebenswichtig der warme Golfstrom auch für Finnland war. Nur wegen
dieses Stromes ist das Leben und Wohnen im kargen Norden überhaupt möglich. Ich
guckte herab durch das Fenster. Da unten sah ich nur das schäumende Meer. Es
gab nichts besonderes zu sehen. Nur dasselbe graue, wogende Seewasser überall.
Keine Strömung war zu sehen, kein Unterschied in Farben, überhaupt nichts das
sich von der grenzenlosen offenen See absonderte. Den Golfstrom konnte man
nicht sehen. Eine Weile fragte man sich: Gibt es dann diesen Strom
überhaupt? Er ist da! Obwohl wir ihn
mit unseren Augen nicht wahrnehmen können, aber Beweise seiner Existenz sind
offensichtlich. In unserem Norden leben wir
jeden Tag im Einflussbereich von diesem warmen Strom.
In
Finnland lebt man in der Nähe vom Polarkreis, einige Leute sogar nördlich von
ihm. Wir spüren die Bedeutung des Golfstromes. Im Wirkungsbereich von diesem
warmen Strom wird das ganze Klima milder. Die schneidend kalten Winde im Winter
sind seltener, und der ewige arktische Bodenfrost schmilzt. Aus der Erde
spriesst eine Vegetation hervor. Anderswo auf derselben nördlichen Breite würde
sie unvermeidbar von der Kälte zerstört. Auf demselben Breitengrad, wo man in
Sibirien und Alaska auch im Sommer eine dicke Eisdecke hat, kultiviert man im
Einflussbereich des Golfstromes Getreide, herrliche Blumen und üppige
Obstbäume.
Wie
gesagt: Diese warme Meeresströmung kann man nicht vom übrigen Meereswasser
unterscheiden, nicht einmal der scharfsichtigste Beobachter im Flugzeug. Aber
die Einflüsse des Stromes die sind sichtbar und spürbar auch in der Ferne. Aber
nur wenige von uns erinnern sich an die Verbindung von Ursache und Wirkung.
Könnte
es sein, dass wir hier ein Bild vom Wirken Gottes in der Welt haben? Dieses
Wirken können wir kaum oder nur mit Mühe unterscheiden und erkennen, wenn wir
die Kirche und die Schar von Christen betrachten. Es gibt ja so viel Unvollständigkeit, Scheitern,
egoistische Bestrebungen, menschliche Kälte und Bosheit.
Wenn
wir tiefer blicken, können wir nicht auch hier einige auftauende Wirkungen des
warmen Stromes sehen? Es passieren ja
viele Dinge. Die Auswirkungen von Gottes Berührung können wir in kleinen
Ereignissen sehen. Wenn ein Mensch einem anderen Menschen vertraut. Wenn er
oder sie eine uneigennützige Wahl trifft. Oder wenn jemand dem anderen etwas
sagt, das Hoffnung für morgen weckt. Oder dort wo man sich vergibt und die
Schwachen verteidigt, wo man Gerechtigkeit sucht und Barmherzigkeit
verwirklicht. Eine Wirkung von der Berührung Gottes sehen wir, wenn sich im
Herzen die Liebe an Christus und an anderen Menschen entzündet.
Kurz
gesagt: Wo immer die kalten Winde wärmer werden und der Bodenfrost in unserem
Alltag anfängt zu schmelzen, dort fangen mancherlei Obstbäume an zu wachsen und
Blumen zu blühen.
Im
Norden schmilzt die Wärme von der Frühlingssonne den kalten Frost vom Winter.
In unserem Leben und in der menschlichen Gemeinschaft werden Kälte und Frost
nur von der Wärme der Liebe geschmolzen. Von einer Liebe die nicht an dem
Unvollständigen oder
Egoistischen oder Gescheiterten Anstoss nimmt. Es ist der Golfstrom, das
Reich Gottes selbst, wo Sündiger Vergebung finden und die Schwankenden und
Erschöpften neue Kraft bekommen.
Die
Kräfte dieses Reiches, des Liebesreiches und
des Himmelreiches, leben und
wirken in dieser Welt, inmitten vielen anderen Mächten. Siehst du diese Kräfte?
Wenn du sie siehst, kannst du dich auf
diese Kräfte stützen. Du kannst im Dienste dieser guten Kräfte leben und
wirken. Eine Triebkraft für uns und für unser Handeln kann nur die Liebe Gottes
sein. Diese Liebe gibt sich selbst und diese Liebe wird auch heute für dich und
mich gegeben.
Der
Herr baut sein Haus, auch heute. Nicht nur Kirchen und Gemeindehäuser, sondern
sein eigenes Reich. Die Kräfte dieses
Reiches sind wirksam unter uns. Als
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in diesem Reich sind wir eingeladen zu dienen.
Es ist wunderbar, dass der Aufbau vom Reich Gottes uns, schwachen und
halbfertigen Menschen anvertraut ist. Alleine wird es nicht klappen, aber wir
beten um die Hilfe vom Herrn. In Finnland sagen wir: Wo viel gebetet wird, da
gibt´s auch viel Segen.