Erzbischof Jukka Paarma

 

Wenn nicht der Herr das Haus baut...

 

Predigt in der Passion-Kirche in Berlin 19.9.2004

 


 

Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.

Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf. (Ps. 127:1-2)

 

Liebe Gemeinde,

Dieser Psaltertext aus dem Alten Testament ist in der Kirche Finnlands für den heutigen Sonntag bestimmt. Er passt besonders gut zu unserer heutigen Situation. Wir sind versammelt zu einem Gottesdienst und einem Fest, denn die Finnische Gemeinde in Berlin weiht ihr neues Gemeindezentrum ein. Die Arbeit der Kirche und der christlichen Gemeinde ist umsonst, alles Bauen und Wirken ist umsonst, ohne den Segen des Herrn. Man baut umsonst, man bemüht sich umsonst, wenn der Herr nicht mithilft. Deswegen sind wir heute hier. Wir bitten um Gottes Segen, für uns selbst, für unsere Gemeinde und für die Arbeit der christlichen Kirchen. Wir tun dies im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes, dass er mit uns ist, auch heute. Hier liegt der Grund für die Arbeit unserer Gemeinden. Im Vertrauen, dass der Herr mit uns ist, dass Er bewacht, dass die Saat des Wortes Früchte und Segen in unser Leben bringt.

 

In der Gemeindearbeit brauchen wir solches Vertrauen auf Gottes Mithilfe. Oft sieht es aus, dass ganz andere Mächte mehr und mehr Raum und Macht in unserer Welt haben. Egoismus, Hass und Materialismus verdrängen oft Nächstenliebe, Verantwortlichkeit und Leben nach Gottes Willen.

 

Heute  brauchen wir  vor allem eine Ermutigung. In jüngster Zeit haben wir uns in Finnland über einige Ergebnisse von Meinungsumfragen gefreut. Sie haben berichtet, dass die Bewertung der Kirche und der christlichen Werte einen kleinen Aufschwung erlebe. Diakonische Arbeit der Kirche, Jugendarbeit und sozialethische Stellungnahmen der Kirche sind geschätzt und haben Anerkennung gefunden. Laut der letzten Meinungsumfragen hat man heute mehr Vertrauen auf unsere Kirche als  seit langem. Natürlich wissen wir, dass Resultate solcher Untersuchungen wie eine Wellenbewegung von Ebbe und Flut sind. Die Beteiligung an kirchlichen Aktivitäten scheint sich nicht wesentlich verändert zu haben. Wir wollen in Finnland den Glauben unseres Volkes an Jesus Christus nicht sehr laut ausposaunen. Dasselbe gilt für die Bereitschaft ihm zu folgen und seinen Willen im täglichen Leben zu verwirklichen. Denn ungeachtet  der Ergebnisse dieser  Meinungsumfragen haben wir das Gefühl, dass sowohl Informationsgehalt wie auch Annahme des christlichen Glaubens im Abnehmen sind.

 

Von Deutschland und anderen europäischen Ländern haben wir ähnliche Aussagen gehört. Religiosität als Phänomen ist im Aufschwung und religiöse Nachfrage und Suchen sind im Steigen. Gleichzeitig befindet sich aber der Raum und das Ziel dieses Suchens ausserhalb traditioneller Religionsformen, und vor allem ausserhalb der europäischen Mehrheitsreligion, dem christlichen Glaube in  evangelischer oder katholischer Form. In unserer Welt von Globalisation und in dem sich integrierenden Europa scheint der Säkularismus einerseits, der Pluralismus und die zunehmende  Konkurrenz  zwischen Religionen und Ideologien anderseits,  mehr und mehr das Christentum und die Stellung der Kirchen zu bedrohen und zu erdrücken.  Früher waren wir eine Mehrheitskirche, werden wir in Zukunft eine Minderheitskirche sein?

 

Die Bibel mahnt uns jedoch tiefer zu schauen und  nicht nur auf der Oberfläche zu verweilen. Jesus hatte oft ein Wort der Ermutigung für jene die Angst hatten, weil die eigene Schar so klein war. Sogar ein Senfkorn wir zu einem mächtigen Baum wachsen! Der Autor des Hebräerbriefes sagt: “Glaube aber ist: Feststehen in dem was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr. 11:1)

 

Dinge die man nicht sieht! Ich möchte ein Beispiel erzählen. Es ist in meinem Gedächtnis haften geblieben, vielleicht deswegen weil ich im Norden wohne, in einem Land wo es ab und zu kalt sein kann. Es war mein erster Flug über den Nordatlantik, eine Reise zur Pfarrerkonferenz in Island. Als wir oberhalb der norwegischen Küste waren, konnte ich auf interessante Bohrplattformen hinabschauen und sah, wie die kostbare, schwarze Energie  aus dem Meeresboden gepumpt wurde. Plötzlich sagte mein Nachbar, ein erfahrener Reisender: “Hier fliesst der Golfstrom.“ Ich erinnerte mich, was ich in der Schule von Meeresströmungen gelernt hatte. Ich wusste wie lebenswichtig der warme Golfstrom auch für Finnland war. Nur wegen dieses Stromes ist das Leben und Wohnen im kargen Norden überhaupt möglich. Ich guckte herab durch das Fenster. Da unten sah ich nur das schäumende Meer. Es gab nichts besonderes zu sehen. Nur dasselbe graue, wogende Seewasser überall. Keine Strömung war zu sehen, kein Unterschied in Farben, überhaupt nichts das sich von der grenzenlosen offenen See absonderte. Den Golfstrom konnte man nicht sehen. Eine Weile fragte man sich: Gibt es dann diesen Strom überhaupt?  Er ist da! Obwohl wir ihn mit unseren Augen nicht wahrnehmen können, aber Beweise seiner Existenz sind offensichtlich. In unserem Norden leben wir  jeden Tag im Einflussbereich von diesem warmen Strom.

 

In Finnland lebt man in der Nähe vom Polarkreis, einige Leute sogar nördlich von ihm. Wir spüren die Bedeutung des Golfstromes. Im Wirkungsbereich von diesem warmen Strom wird das ganze Klima milder. Die schneidend kalten Winde im Winter sind seltener, und der ewige arktische Bodenfrost schmilzt. Aus der Erde spriesst eine Vegetation hervor. Anderswo auf derselben nördlichen Breite würde sie unvermeidbar von der Kälte zerstört. Auf demselben Breitengrad, wo man in Sibirien und Alaska auch im Sommer eine dicke Eisdecke hat, kultiviert man im Einflussbereich des Golfstromes Getreide, herrliche Blumen und üppige Obstbäume.

 

Wie gesagt: Diese warme Meeresströmung kann man nicht vom übrigen Meereswasser unterscheiden, nicht einmal der scharfsichtigste Beobachter im Flugzeug. Aber die Einflüsse des Stromes die sind sichtbar und spürbar auch in der Ferne. Aber nur wenige von uns erinnern sich an die Verbindung von Ursache und Wirkung.

 

Könnte es sein, dass wir hier ein Bild vom Wirken Gottes in der Welt haben? Dieses Wirken können wir kaum oder nur mit Mühe unterscheiden und erkennen, wenn wir die Kirche und die Schar von Christen betrachten. Es gibt ja  so viel Unvollständigkeit, Scheitern, egoistische Bestrebungen, menschliche Kälte und Bosheit.

 

Wenn wir tiefer blicken, können wir nicht auch hier einige auftauende Wirkungen des warmen Stromes sehen?  Es passieren ja viele Dinge. Die Auswirkungen von Gottes Berührung können wir in kleinen Ereignissen sehen. Wenn ein Mensch einem anderen Menschen vertraut. Wenn er oder sie eine uneigennützige Wahl trifft. Oder wenn jemand dem anderen etwas sagt, das Hoffnung für morgen weckt. Oder dort wo man sich vergibt und die Schwachen verteidigt, wo man Gerechtigkeit sucht und Barmherzigkeit verwirklicht. Eine Wirkung von der Berührung Gottes sehen wir, wenn sich im Herzen die Liebe an Christus und an anderen Menschen entzündet.

 

Kurz gesagt: Wo immer die kalten Winde wärmer werden und der Bodenfrost in unserem Alltag anfängt zu schmelzen, dort fangen mancherlei Obstbäume an zu wachsen und Blumen zu blühen.

 

Im Norden schmilzt die Wärme von der Frühlingssonne den kalten Frost vom Winter. In unserem Leben und in der menschlichen Gemeinschaft werden Kälte und Frost nur von der Wärme der Liebe geschmolzen. Von einer Liebe die nicht  an dem  Unvollständigen oder  Egoistischen oder Gescheiterten Anstoss nimmt. Es ist der Golfstrom, das Reich Gottes selbst, wo Sündiger Vergebung finden und die Schwankenden und Erschöpften neue Kraft bekommen.

 

Die Kräfte dieses Reiches, des Liebesreiches und  des Himmelreiches,  leben und wirken in dieser Welt, inmitten vielen anderen Mächten. Siehst du diese Kräfte? Wenn du sie siehst, kannst du dich auf  diese Kräfte stützen. Du kannst im Dienste dieser guten Kräfte leben und wirken. Eine Triebkraft für uns und für unser Handeln kann nur die Liebe Gottes sein. Diese Liebe gibt sich selbst und diese Liebe wird auch heute für dich und mich  gegeben.

 

Der Herr baut sein Haus, auch heute. Nicht nur Kirchen und Gemeindehäuser, sondern sein  eigenes Reich. Die Kräfte dieses Reiches sind wirksam unter uns.  Als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in diesem Reich sind wir eingeladen zu dienen. Es ist wunderbar, dass der Aufbau vom Reich Gottes uns, schwachen und halbfertigen Menschen anvertraut ist. Alleine wird es nicht klappen, aber wir beten um die Hilfe vom Herrn. In Finnland sagen wir: Wo viel gebetet wird, da gibt´s auch viel Segen.