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John Vikström

VERSÖHNUNG ALS GABE GOTTES

Konferenz der lutherischen Kirchenleiter Europas in Budapest 9.12.1996


Wichtigkeit und Aktualität des Themas

Selten haben wir es in unseren Kirchen mit so zentralen theologischen Themen zu tun wie gerade in diesen Jahren. Wir stehen inmitten eines Prozesses, der auf eine mit der römischkatholischen Kirche gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung abzielt. Zugleich sind wir dabei, uns auf die Konferenz Europäischer Kirchen und auf die gemeinsame Versammlung des Rates der katholischen Bischofskonferenzen im Österreichischen Graz vorzubereiten, deren leitendes Thema sein wird "Versöhnung Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens".

Wir Lutheraner haben oft darüber geklagt, daß sozialethische Themen die zentralen dogmatischen Fragen in vielen ökumenischen Konferenzen und in der ökumenischen Bewegung überhaupt verdrängt haben. Jetzt scheint es geradezu, daß wir auf einmal mehr bekommen haben als wir bitten oder denken konnten. Dies ist die Situation, in der wir als lutherische Kirchenleiter Europas über die Frage nach der Versöhnung als Gabe Gottes nachdenken dürfen. Unter theologischem Aspekt zeigt sich die Gleichzeitigkeit der Versöhnungs- und Rechtfertigungsthemen als bei weitem über einen bloßen Zufall hinausgehend.

Daß das Versöhnungsthema auf die Tagesordnung dieser Beratung in Budapest gesetzt wurde, ist gewiß auch kein Zufall. Die Konferenz von Graz stellt auf unserem Kontinent einen recht bedeutenden ökumenischen Schritt dar. Man bezeichnet sie als "Zweite Europäische Ökumenische Versammlung". Die Berücksichtigung ihrer zentraler theologischen Problematik in diesen Beratungen ist uns also sowohl eine verpflichtende Aufgabe als auch eine gute Gelegenheit, an dem wichtigen ökumenischen Prozeß unseres Erdteils teilzunehmen. Wir wünschen ja, daß unsere lutherischen Kirchen einen bedeutenden Einsatz in der Arbeit der Konferenz von Graz sowie deren Vorbereitungen leisten könnten, und daß dies alles für uns auch ein nützlicher Lernprozeß sein könnte. Die Beteiligung an der ökumenischen Bewegung bildet ständiges Geben und Empfangen.

Das Versöhnungsthema in den Vorbereitungen zur Konferenz von Graz

Wie will man den großen und ausschlaggebenden Gegenstand der Versöhnung auf der allgemeinen Konferenz von Graz behandeln? Den Kirchen und verschiedenen Organisationen ist zur Beratung und Kommentierung ein erster Entwurf für ein Arbeits- und Beschlußdokument gesandt worden. Um Antwort mit möglichen Änderungsvorschlägen wurde bis Ende nächsten Januars gebeten. Unsere Beratung trifft also im Hinblick darauf einen möglichst günstigen Zeitpunkt! Die Frage des Planungsausschusses "Haben wir die wichtigsten Fragestellungen und Perspektiven unter dem Thema 'Versöhnung' richtig erfaßt?" kann als passender und nützlicher Ausgangspunkt auch für uns hier und jetzt dienen. Wir nehmen also die Einladung des Planungskomitees von Graz an.

Der Kontext der Generalkonferenz von Graz liegt in der überraschenden und verwirrenden Situation Europas sieben Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und einige Jahre vor dem Ende des Jahrtausends. Unabhängig davon, worauf der Blick gerichtet ist, kommt man zu der abschließenden Feststellung: Europa braucht Versöhnung. Auf diese Herausforderung soll die Grazer Konferenz mit sechs Unterthemen antworten:

1. Die Suche nach der sichtbaren Einheit zwischen den Kirchen

2. Dialog mit den Religionen und Kulturen

3. Einsatz für soziale Gerechtigkeit, vor allem die Überwindung von Armut, Ausgrenzung und Diskriminierung

4. Einsatz für Versöhnung innerhalb der Völker und zwischen den Völkern und vor allem für gewaltfreie Konfliktbewältigung

5. Ökologische Verantwortlichkeit besonders im Hinblick auf die kommende Generation

6. Gerechter Ausgleich mit anderen Weltregionen.

Als Grundlage für die Erörterung dieser Unterthemen ist ein prinzipiell- theologisches Kapitel skizziert, das als "Botschaft von Graz" von der Plenarversammlung erörtert und eingebracht werden soll. Es liegt auf der Hand, daß dieses Kapitel den speziellen Gegenstand unseres Interesses bildet, weil wir auf dieser Beratung die Versöhnung mit Gott als uns gegebenes Geschenk erörtern.

Versöhnung als biblischer Begriff

Eine Beurteilung des Vorbereitungsmaterials für die Versammlung von Graz bildet eine gewisse Ortsbestimmung. Diese Lokalisation muß unter zwei Aspekten durchgeführt werden, unter dem praktisch-ethischen und unter dem prinzipiell- dogmatischen Aspekt. Einerseits ist zu fragen, ob die Kirchen dort sind, wo sie sein sollten im Hinblick auf unseren Erdteil und auf die Not und die Anliegen von dessen Menschen. Und anderseits: Ist der Ausgangspunkt der richtige, wenn es um den Inhalt der Antworten von Kirchen geht? In diesen Ausführungen werde ich mich auf diese zweite Frage konzentrieren, weil das mir gestellte Thema dem Anfangsteil des Grazer Papiers entspricht.

Für eine Ortsbestimmung braucht man eine Landkarte. Wie sieht die theologische Karte aus, auf der die Grazer Versammlung mit ihrer Versöhnungsanschauung liegt? Im folgenden versuche ich, uns einige Grundzüge und Grundmuster auf dieser uns bereits bekannten Karte ins Gedächtnis zu rufen.

Der logische Hintergrund und Ausgangspunkt des Begriffs 'Versöhnung' liegt in einer Situation, die von Zerwürfnissen, Streitigkeiten zwischen den Beteiligten und Feindschaft geprägt ist. In der Bibel ist dieser Hintergrund und Bedarf der Versöhnung auf den ersten Blättern dargestellt, wo der von Gott geschaffene Kosmos quasi zerbricht, wo an die Stelle der Harmonie eine schrille Dissonanz tritt. So geschieht es zwischen Mensch und Gott, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Natur. Ein Bruder tötet den anderen, und die Völker verstehen einander nicht mehr. Draußen vor dem Garten Eden bewachen die Cherubim den Weg zu dem Baum des Lebens mit dem flammenden, blitzenden Schwert. Der Mensch ist in sehr tiefgreifender Bedeutung ein Außenseiter geworden, und die ganze Schöpfung ist unter die Verderbensmächte geraten.

Vor diesem Hintergrund ist die zentrale Stellung und Rolle der Versöhnung sowohl im Alten wie im Neuen Testament verständlich. Im Alten Testament wird der Weg für die neutestamentliche Versöhnungsverkündigung besonders unter drei Gesichtspunkten gebahnt: 1. Am großen Versöhnungstag brachte der Hohepriester jährlich die Versöhnung für alle Sünden des Volkes dar (Lev.16). 2. In der Berufungsvision Jesajas wurden die Sünden des Propheten mit einer glühenden Kohle gesühnt, die einer der Serafim vom Altar brachte (Jes.6). 3. In der Schilderung Deuterojesajas über den Knecht des Herrn wurde das Stellvertretungs- und Strafleiden und das Sich-Aufopfern dargestellt, das die Versöhnung bringt: "Er trug unsre Krankheit lud auf sich unsere Schmerzen Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt " (Jes.53).

Im Neuen Testament wird Christus besonders als Versöhner geschildert: "Er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt" (1.Joh.2,2). Der Initiator und Ausüber der Versöhnung ist Gott selbst: "das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus" (2.Kor.5,18). Die Quelle und der einzige Grund der Versöhnung ist Gottes Liebe: "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren". Im folgenden Satz bringt Paulus die organische Verbindug von Versöhnung, Rechtfertigung und Heil zum Ausdruck: "Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind" (Röm.5,8-9). Im gleichen Zusammenhang erörtert Paulus besonders deutlich, daß die Versöhnung ein uns gegebenes Geschenk ist.

Die von Gott in Christus vollbrachte Versöhnung war einmalig, und in dem Sinne ist sie bereits geschehen. Aber die Verwirklichung der Versöhnung an den Menschen findet fortwährend durch das "Amt der Versöhnung" statt: "Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott" (2.Kor.5,20). Wir werden also dazu ermutigt, im Glauben "Das Wort von der Versöhnung" (V.19) anzunehmen.

Beim Versöhnungswerk Christi handelt es sich jedoch nicht ausschließlich um die Beziehung von Gott und Mensch. Christus schafft auch die neue Verbindung zwischen uns Menschen, indem er uns mit sich verbindet (Kol.3,3-25; Eph.2,11-22). "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus" (Gal.3,28).

Die Versöhnung mit Gott und die Eintracht untereinander gehören wesentlich zusammen, so daß das eine nicht ohne das andere sein kann. In den Evangelien wird diese Zusammengehörigkeit besonders deutlich betont (Matt.5,23-24; 6,14-15; 18,21-35; Mark.11,25). Die Versöhnung ist zugleich Gabe und Aufgabe.

Das theologische Verständnis der Versöhnung

In den verschiedenen Stadien der Geschichte der Kirche ist das Versöhnungswerk Christi bekanntermaßen unterschiedlich ausgelegt worden. Es sind etliche Versöhnungslehren entstanden. In seinem zum Klassiker gewordenen Buch "Den kristna försoningstanken" (1930; englisch Christus Victor) leistete der schwedische Professor und spätere Bischof Gustav Aulén eine Gliederung dieser Lehren, die stets ein nützliches Hilfsmittel für alle theologischen Kartographen gebildet hat.

Aulén gruppierte die Verständnisse der Versöhnung in drei Haupttypen. Im Hinblick auf unser Thema muß festgestellt werden, daß das Wesen der Versöhnung als Gabe Gottes auch innerhalb dieser drei Gruppen unterschiedlich verstanden wird. Die erste Gruppe wurde in der Analyse und Gruppierung Auléns als klassische Versöhnungslehre bezeichnet; Aulén selbst spricht allerdings lieber über das klassische Versöhnungsmotiv. In der altkirchlichen Theologie war dieses Verständnis über das Versöhnungswerk Christi vorherrschend; Typische Vertreter waren beispielsweise Irenäus und Athanasius. In Anknüpfung an die Worte des Paulus darüber, wie Christus unsere Feinde, d.h. den Zorn, die Sünde, das Gesetz und den Tod, überwunden und uns von deren Tyrannei befreit hat (Röm.5-8), wurde das Versöhnungswerk besonders als sieghafter Kampf gegen die Verderbensmächte verstanden. In einer für uns verborgenen Weise hat Gottes Liebe in Christus sogar seinen eigenen Zorn besiegt und so die Versöhnung und neue Verhältnissse geschaffen. Die Versöhnung ist ganz und gar Gabe Gottes.

Die zweite Gruppe der Versöhnungslehren wird von Aulén als lateinische oder scholastische Versöhnungstheorie bezeichnet. Diese entstand und entwickelte sich vor allem im Bereich des westlichen Zweiges der Kirche und beruhte weitgehend auf der Theologie von Tertullian und Cyprian, in der das Werk Christi anhand von juristischen Kategorien verstanden wurde. Unter anderem durch die Wirkung des Beichtwesens wurde das Versöhnungswerk Christi immer mehr unter dem Aspekt des Verdienstes und der Genugtuung (satisfactio) betrachtet. In der Theologie Anselms von Canterbury war diese Versöhnungslehre am weitesten entwickelt. Er sah die Versöhnung als Genugtuung an, die Christus im Auftrag Gottes aber an Stelle der Menschen Gott darbringt, wobei Gott der Versöhner aber auch der Versöhnte ist.

In der lateinischen Versöhnungstheorie werden voneinander losgelöst, was Christus als Gott tut und was er als Mensch tut. Dies bedeutet, daß die urchristliche Anschauung über die Versöhnung als ausschließliches Werk Gottes verschwommen wird. Zugleich wird auch Gottes Liebe verwischt. Die Auffassung liegt nämlich ziemlich nahe, daß die Versöhnung die Beschwichtigung des zornigen Gottes bewirkt, so daß er erst danach anfängt, aktiv zu lieben. Der biblischen Anschauung gemäß verhält es sich jedoch so, daß gerade der Gott der Liebe mit Zorn der Sünde begegnet.

Gegen den juridischen Charakter der lateinische Versöhnungslehre und deren Gottesbild ist schon im Mittelalter, aber besonders seit den Zeiten der Aufklärung heftige Kritik laut worden. Abaelard gab das rechtliche Denken auf und betonte die Beispielwirkung von Christi Tod für die Gläubigen: Das Leiden Christi deckt uns Gottes Liebe auf und läßt Gegenliebe in uns entstehen. Die im Menschen steckende Feindschaft gegen Gott verwandelt sich also in zutrauliche Liebe, wobei sich die Versöhnung verwirklicht.

Diese subjektive Versöhnungslehre Abaelards fand ihre Fortsetzung in der Neuzeit im gleichen Maße wie sich das Schwergewicht im theologischen Denken auf den Menschen verlagerte. Sowohl in der Theologie der Aufklärungszeit wie auch in der späteren Theologie (beispielsweise Schleiermacher und Ritschl) wurde die Versöhnung in erster Linie als Sinnesänderung des Menschen angesehen. Auf Seiten Gottes bedarf es keiner Wandlung. Er ist die bleibende Liebe, und Liebe verlangt nicht nach Genugtuung. Somit bildet das "Wort der Versöhnung" die Offenbarung, mit der die falsche Auffassung des Menschen über Gott berichtigt wird. Die zuvor im Menschen steckende falsche Haltung zu Gott hatte also auf einem Mißverständnis beruht.

Bevor ich versuche, auf dieser Landkarte der drei Versöhnungslehren den aus dem Vorbereitungsmaterial für Graz hervorgehenden Ort der Versöhnungsanschauung zu finden, ist es sicherlich angebracht zu fragen, wo Luthers Ort ist. Die Koordinaten dieses Ortes sind vielleicht am besten im Kleinen Katechismus in der Erklärung des zweiten Glaubensartikels auffindbar:

"Ich glaube, daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben, gewonnen und von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit; das ist gewißlich wahr."

In diesem Verständnis des Erlösungs- und Versöhnungswerks Christi sind leicht einige zentrale Elemente der klassischen Versöhnungslehre auffindbar. Christus hat uns von der Sünde, vom Tod und von der Gewalt des Teufels freigekauft und gewonnen. Häufig zählt Luther auch das Gesetz und den Zorn Gottes unter die Verderbensmächte. Gustav Aulén ist denn auch der Ansicht, daß Luthers Versöhnungsdenken eine Erneuerung und Vertiefung des klassischen Versöhnungsmotivs bedeutet.

In der vorliegenden Erklärung Luthers zeigen sich auch gewisse Züge der lateinischen Versöhnungslehre, besonders darin, daß Luther den Menschen unter dem Aspekt der Sünde und Schuld betrachtet. Dieser Blickwinkel ist natürlich auch für die klassische Versöhnungslehre nicht fremd, aber darin werden die Gefangenschaft und das Geknechtetsein des Menschen unter die Verderbensmächte mehr als der Gesichtspunkt der Schuld betont.

In Luthers Erklärung liegt auch ein subjektives Element, aber doch in anderer Weise als in der oben erwähnten subjektiven Versöhnungslehre. Bei ihm handelt es sich nicht in erster Linie um eine auf der bewußten Offenbarung beruhende psychologische Veränderung, sondern um die Modifikation der gesamten Existenz des Menschen und deren Grundvoraussetzungen aufgrund dessen, daß Versöhnung, Erlösung und Rechtfertigung wesentlich zusammengehören.

Luthers Versöhnungsanschauung ist theozentrisch und nicht anthropozentrisch. Es geht bei ihm darum, was der Gott der Versöhnung andauernd als Erlöser, Rechtfertiger, Erneuerer und Heilmacher der Schöpfung vollbringt.

Was wird die theologische Position der Vollversammlung von Graz sein?

Wo wird dann die Ökumenische Versammlung von Graz auf der Karte der Versöhnungslehren liegen? Wenn man eine Antwort auf diese Frage in dem oben erwähnten ersten Entwurf zu einem Arbeits- und Beschlußdokument sucht, gerät man in ziemliche Bestürzung. Versucht man, die Koordinationswerte der daraus hervorgehenden Versöhnungsanschauung aufzufinden, scheint es zunächst, als geriete man ganz außerhalb der Karte. Dabei steckt der Fehler nicht unbedingt in den Koordinatenziffern; er kann auch in der Landkarte liegen. Man hat das falsche Blatt zur Ortung genommen.

Ohne darauf einzugehen, ob das von mir benutzte traditionelle Meßtischblatt richtig oder falsch ist, so ist auf jeden Fall offenkundig, daß im Grazer Entwurf zu einem Arbeits- und Beschlußdokument häufig anders über die Versöhnung gesprochen wird als wir es aufgrund der langen Tradition der Versöhnungstheologie zu sprechen gelernt haben. In diesem Vorbereitungsbüchlein wird das Wort 'Versöhnung' als Lösung zu einem anderen Hauptproblem gebraucht als in den herkömmlichen Versöhnungslehren. Bei diesen Lehren liegt die Hauptproblematik in der Feindschaft zwischen Gott und Mensch, jedoch im Material von Graz in der Spannung zwischen den Menschen und menschlichen Körperschaften: zwischen den Kirchen, zwischen Religionen und Kulturen, zwischen Armen und Reichen, zwischen den Völkern, zwischen Mensch und Natur usw.

Dies sind allemal äußerst wichtige Fragen, und die Versöhnung ist ohne weiteres ein Begriff und ein Wort, das bei der Suche nach einer Antwort auf ökumenische und sozialethische Kontroversen durchaus brauchbar ist. Das Problem liegt darin, wie die Versöhnung zwischen Gott und Mensch mit der Versöhnung zwischen den Menschen in Beziehung gesetzt wird. Hat die Versöhnung zwischen Gott und Mensch irgendeinen Selbstwert, oder ist sie im Hinblick auf die ökumenische und sozialethische Aussöhnung nur von mittelbarer Bedeutung? Das größte theologische Problem im Grazer Vorbereitungsmaterial liegt darin, daß das von Gott vollbrachte Versöhnungswerk praktisch gesehen nur auf die horizontale Ebene des Lebens beschränkt wird. Die Aufgabe und das Amt des Versöhners wird darauf eingegrenzt, die Aussöhnung zwischen den Menschen zu ermöglichen.

Im theologisch zentralen Punkt (12) heißt es, daß Versöhnung als Gabe Gottes bedeutet, daß Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und nun in der Schöpfung gegenwärtig ist. "Wir vertrauen darauf", heißt es, "daß die Kraft dieser Liebe, das 'pneuma' des Christus unter uns lebendig und wirksam ist. Diesen guten und heiligen Geist bezeichnen wir als die Energie der Versöhnung, als Kraft der Veränderung, die durch und durch geht Und wir verlassen uns darauf, daß in und mit der Gegenwart dieses Geistes Gottes Versöhnung zu einer geschichtlichen Möglichkeit wird. Gott gibt die Versöhnung als eine konkrete Möglichkeit in die Geschichte der Menschen hinein."

In jenem Dokument heißt es weiterhin, daß hinter allem die Barmherzigkeit Gottes steht (Absätze 14-19): Gott wird uns in der "Kenosis" des Sohnes offenbar und seine Energie wirkt im Heiligen Geist unter uns. Diese Barmherzigkeit Gottes ist die Quelle des neuen Lebens, aus der die Versöhnung quillt. Spuren dieses Borns sind überall in der Welt in den Beziehungen zwischen den Menschen und den Völkern, auch in den lebenserneuernden Sakramenten spürbar.

In der oben dargestellten theologischen Grundanschauung, sofern man von einer solchen sprechen kann, klingt von der klassischen Versöhnungslehre möglicherweise ein ferner Nachhall mit, von der lateinischen Versöhnungslehre allerdings nicht. Die Gemeinsamkeiten mit der subjektiven Versöhnungslehre liegen in der Betonung der Immanenz und der Aktivität des Menschen sowie in einem gewissen psychologisierenden Zug. Die größte und wichtigste Übereinstimmung besteht jedoch darin, daß keine Feindschaft zwischen Gott und Mensch gesehen wird.

Im Entwurf des Arbeitsdokuments für die Grazer Versammlung haben wir es offensichtlich mit einer alten theologischen Frage zu tun, die uns helfen kann zu verstehen, worum es sich eigentlich handelt. In der Geschichte der Kirche und der Theologie ist schon seit langem eine bestimmte Spannung zwischen der Inkarnationstheologie und der Versöhnungstheologie erkennbar. Wo die eine oder die andere mit einseitigem Akzent zutage getreten ist, geschah dies auf Kosten der anderen. Es sieht so aus, als sei das Grazer Dokument ein Beispiel dafür, wie die dominierende Rolle eines gewissen Inkarnationsdenkens zur Verschmälerung und Verfälschung des Versöhnungsgedankens geführt hat: Wenn Gott selbst anwesend ist, braucht man nicht mehr zurückzuschauen. Dann darf man vom Geist Gottes beflügelt darangehen, Eintracht auf der Welt zu bauen.

Die Autoren des Grazer Vorbereitungs- und Beschlußpapiers hätten die feine Gelegenheit gehabt, einen andersartigen Entwurf auszuarbeiten. Vor einem Jahr (1995) wurde nämlich ein Arbeitsbüchlein herausgegeben, in dem sowohl die vertikale als auch die horizontale Dimension der Versöhnung in ganz anderer Weise Berücksichtigung fand. (Versöhnung, Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens. Eine Arbeitshilfe für die Vorbereitung der zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung, 1997. Genf / St.Gallen 1995.) Im zweiten Kapitel dieses Dokuments "Biblische, theologische und liturgische Impulse" (S.11-16) wird so an das biblische und von der Theologiegeschichte dargebotene Material angeknüpft, daß das Ergebnis eine die Kirchen gut repräsentierende Versöhnungsanschauung ist. Zugleich ist es auch gelungen darzustellen, was die Ausübung des Amtes der Versöhnung in der Kirche und im Gemeinwesen praktisch bedeutet. Es wäre wünschenswert, daß der an die Kirchen versandte Entwurf des Grazer Arbeits- und Beschlußdokuments aufgrund solcher Leitgedanken durchgegangen werden könnte. Dann könnte auf der Ökumenischen Versammlung in Graz eine solche theologische Position gefunden werden, aufgrund derer es möglich ist, die Richtung zu wählen, wenn man darangeht, das Amt der Versöhnung in der heutigen Welt auszuüben.

Aus dem Finnischen übersetzt von Hans-Christian Daniel .



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