Jukka Paarma

 

Wie sieht unser Glaube aus?

 

Predigt in der Kreuzkirche Hannover am 19.10.2002 anlässlich des 25-jährigen Bestehens der finnischen Gemeinde­arbeit

 


 

Matt. 5, 38-48

 

Vor etwa einem Jahr veröffentlichte die Finnische Gemeinde von Berlin einen kleinen Rückblick auf die Anfangszeiten ihrer Arbeit. Verschiedene Autoren, Pas­toren und Laien, riefen sich in Erinnerung, was ihnen die Kirchen­ge­meinde bedeutet hat. Einer der Verfasser sagte: "Es ist herr­lich in der Kirche zu sitzen und der Pre­­digt unseres Pastors in der eigenen lie­­ben Muttersprache zu lauschen. Viele all­tägliche Sorgen des Lebens in der Welt tre­ten zurück. Durch die finnische Ge­mein­­de konnte ich meine finnische Iden­ti­tät bestärken. Sie hat mir auch die Mög­lich­­keit gegeben, heimat­liche Choräle zu sin­gen und den Bibeltext auf Finnisch zu hö­ren. Ich hoffe, dass neu zuge­zo­ge­ne jun­­ge Finnen ebenso die Gemeinde fin­den und darin heimisch werden.

Heute feiern wir das fünfundzwan­zig-jäh­rige Bestehen der organisierten fin­ni­schen Gemeindearbeit in Deutschland. Ak­tiv war man hierzulande auf Finnisch ja schon früher, im erwähnten Berlin schon seit dreißig Jahren, aber eine gemein­­sa­me Organisation wurde erst vor einem vier­­tel Jahrhundert geschaffen, und zwar in guter Zusammenarbeit mit der Evan­ge­li­schen Kirche in Deutschland. Heute ha­ben wir auch einen neuen, prä­zisierten Ve­rtrag über die Zusammenarbeit unse­rer Kirchen unterzeichnet. Dem zufolge wird die finnische Gemeindearbeit in Deutsch­land und die deutsche in Finn­land definiert und organisiert. Dieses Wirken ermöglicht, dass in das andere Land Gezogene oder dies Besuchende an der Gemeindearbeit, am Gottesdiens­t, Abendmahl, Gebet und Gesang in der eigenen Sprache teilnehmen können. Die Bedeutung davon brauche ich wohl den

Teilnehmern dieses Gottesdienstes nicht son­derlich hervorzuheben. Ähnliche Emp­fin­dungen wie bei der eben zitierten Ber­lin-Finnin haben sich gewiss in mancher Wei­se bei vielen anderen in etlichen Städ­ten Deutsch­lands bei kirchlichen Veranstaltungen geregt. Ebenso haben sich wohl auch die Deutschen gefreut, denen es gegeben war, an Aktivitäten der Deutschen Gemeinde in Finnland teilzunehmen.

 

Im Berliner Festbuch ist auch eine andere Schil­derung, von der ich etwas zitieren möch­te. Da beschreibt eine andere Teil­neh­merin ihre Empfindung von der Be­deu­tung der finnischen Gemeinde­arbeit: "Ich habe ältere Gemeindeglieder be­sucht. Besonders erinnere ich einen Al­ten, dessen Weg nach Berlin über St. Pe­ters­burg geführt hatte. Es war interessant zu beobachten, dass er - obwohl er flie­ßend Deutsch, Russisch und Finnisch manch­mal auch nett durcheinander sprach - einzig und allein Finnisch sang. In meiner Emotionssprache, wie er es aus­­drückte. Ein Zeichen für die lebendige Ge­meinde ist die Diakonie, also der Dienst und die Liebe zum Nächsten. Wenn in der Gemeinde gesorgt wird für Kin­der und Alte, erfüllt sich darin Jesu Dop­pelgebot der Lie­be: Du sollst Gott über alles lieben und dei­nen Nächsten wie dich selbst. Die diakonische Ge­mein­de ist da, wo du geliebt wirst und wo du an­dere liebst und ihnen dienst."

 

Ein Zeichen der lebendigen Gemeinde ist der Dienst und die Liebe zum Nächsten. Dem kann man leicht beipflichten. Wenn man versuchen wollte, die Lehren und das Leben des Gründers der Gemeinde mit einem einzigen Wort auszusagen, kann das ein anderes Wort sein als Lie­be. Auf Gottes unendlicher Liebe und auf sei­ner Gabe in Jesus Christus beruht un­ser ganzer Glaube und Gemeinde­arbeit. Und was die Bibel über das Leben als Christ lehrt, windet sich eng um dieselbe Sa­che und dasselbe Wort. Die grund­le­gen­de Geborgenheit und Kraftquelle des Le­bens liegt in Gottes Liebesgabe,  und

der letzte Sinn und die eigentliche Auf­ga­be des Lebens ist mit der Austeilung und mit dem Erweis von Liebe verbunden.

 

Jesus spricht in seiner Bergpredigt, aus der auch unser Predigttext ist, nach­drück­lich über die Nächstenliebe als die wich­tig­ste Aufgabe des Christen. Und als Nächste sieht er auch schwierige Mit­menschen und sogar Feinde an.

 

Liebe, Nächstenliebe, das was laut Jesus das Kennzeichen seiner Jünger ist, das Kenn­zeichen der Gotteskindschaft, ist kein von Philosophen und Theologen erdachtes und definiertes Gedanken­ge­bäu­de oder Idee, Ideologie. Liebe ist eine sehr praktische Angelegenheit. Sie be­steht meistens aus kleinen Taten und klei­nen Worten von Menschengröße, und die­se richten sich auf solche Mit­men­schen, denen wir in unserem Alltag be­geg­nen.

Liebe besteht aus Taten und Worten, mit de­nen wir irgend jemandem zeigen, dass er oder sie uns nicht gleichgültig ist, sondern dass wir ihn oder sie wertschät­zen. Liebe ist so eine Tat, die dem Mitmenschen klar zu einem besseren Leben verhilft, auch wenn er oder sie von unserem Tun gar nichts wüsste.

 

Den Kirchgängern ist wohl schon bis zum Ü­ber­druss vorgehalten worden, wie der Glau­­be an Gott und Jesus, als echter Glau­be, in der Nächstenliebe sichtbar wird. Darum können wir uns selbst oder viel­leicht einander fragen: "Wie sieht den Glaube aus? Dein Handeln und deine Worte antworten darauf."

Solch ein Glaube, der keine Wärme um sich verbreitet, sondern Kälte, ist irgend­wie mangelhafter oder falscher Glaube. Darin haben wir alle zu lernen, denn es ist nicht einfach, den Nächsten zu lieben. Noch schwerer ist es, schwierigen oder wi­der­wärtigen Menschen oder gar Fein­den Liebe zu erweisen. Trotzdem sagt der Heiland: Liebt eure Feinde.

 

Solche Rede ist schön, fromm und erhaben. Es ist leicht, solchen Gedankenbeizupflichten, aber hat solche Rede et­was mit unserer praktischen Wirk­lichkeit zu tun? Ist solche Liebe überhaupt möglich? Ich meine, ja. Darum will ich auf drei Punkte des Textes hinweisen.

 

1. „Liebt eure Feinde, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel". Fein­des­liebe ist keine spe­zielle Eigen­schaft eines im Chris­ten­tum besonders fort­geschrit­tenen Heiligen, son­dern Kenn­zei­chen der Kin­der Gottes. Der Vater im Him­mel gibt Gu­ten und Bö­sen seine Ga­ben, er teilt sei­ne Liebe aus, sich gut Beneh­men­den und ungebührlich Lebenden, Er­folg­­rei­chen und Gnaden­lo­sen. Er lässt reg­nen und seine Sonne scheinen über Gu­te und Bö­se. Das Erweisen von Liebe ist also kein besonderes Zeichen des Hei­lig-Seins, sondern Folge davon, dass je­mand als Kind Gottes lebt, als Sein eigen in Chris­tus. Wie sagte es doch der Heiland: "Liebt, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel".

 

2. Was bedeutet es in der Praxis, den Feind zu lieben? Wir können unsere Ge­füh­le nicht zu etwas zwingen, aber doch un­seren Willen. Oftmals können wir bloß für einen uns schwierigen Menschen be­ten. Und häufig ist solche Fürbitte der Schlüs­sel zum Innersten des Mitmen­schen. Und eigenartiger weise öffnet das Gebet für einen schwierigen oder unsym­pa­thischen Menschen etwas in uns selbst und erweicht unsere Härte. Denn es ist schwer, dem Menschen, für den du betest, Schlechtes nachzureden oder ihm Hindernisse in den Weg zu legen.

 

Ein Umstand bei der Nächstenliebe ist bemerkenswert. Das griechische Wort 'agapaoo', 'agapein' bedeutet den Bibel­wis­senschaftlern zufolge eine Vernunfts­ent­scheidung, die sich in praktischen Din­gen zeigt. Darum spricht unser Bibeltext nicht von Liebesgefühlen zum Feind, son­dern die Wortwahl des griechischen Tex­tes verlangt vom Christen vernünftiges Han­deln zur Förderung des Wohl­er­ge­hens und der Lebensqualität eines schwie­­rigen Menschen.

 

3. Nächstenliebe entsteht nicht auf Befehl und nicht durch Predigen. Sie kommt da­von, dass Vater im Himmel, der die Son­ne auch über uns scheinen lässt, Dank­bar­keit und Glauben her­vor­bringt. Seine Gü­te ermahnt uns und öffnet uns das Herz zum Lieben. Jesus hat gelehrt, dass wem eine große Schuld erlassen wird, an­deren eine kleine Schuld erlassen kann. Wer selbst Liebe empfängt, ist auch selbst imstande zu lieben.

 

Liebe Gemeinde. Nächstenliebe ist also Ei­genschaft des Kindes Gottes, sein Kenn­zeichen. Damit haben wir jeden Tag zu ringen. Aber der Liebesdienst ist, wie eingangs gesagt, eine wichtige Auf­gabe der Gemeinde. Warum? Ich den­ke, dass es heutzutage, in der mo­der­nen, eiligen, har­ten Zeit, in der die Er­kennt­nis Got­tes und das Fragen nach seinem Wil­len von vie­len hintangestellt wird, eine be­son­dere Auf­gabe der Kirche ist, in diese Welt die Bot­­schaft von der anderen Welt zu brin­gen. Die Bot­schaft von der Wirk­lichkeit, die 'Reich Gottes' heißt und de­ren Kenn­zei­chen die Liebe ist. Zum christ­lichen Zeug­nis gehört es auch zu zei­gen, dass es Liebe gibt. Mitten im Kon­kur­renz­kampf, in Effektivität, in An­him­melei  der Ju­gendlichkeit und unter ho­hen An­sprü­chen sehnt sich so man­cher nach dem Zeug­nis da­von, dass es eine größere Macht gibt als die Macht der Selbstsucht, der An­for­de­run­gen, des Gel­des und des Erfolges: dass es Liebe gibt. Für Lie­be zeugt am besten der Mit­mensch, der je­man­dem mit Wort und Tat beisteht. Wer ver­steht, der ver­gibt auch, der greift unter die Arme und be­tet für den anderen oder die andere und wird zur Botschaft von der an­deren Welt, von Gott und seinem Reich. Der Mensch, der von Liebe berührt wird, hat schon den Kon­takt mit Gott und mit der Ewigkeit gefunden. Amen.