Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder in Jesu Christi,
Der Nordisch-Deutsche Kirchenkonvent erfüllt in diesem Herbst das fünfzigste Jahr seines Bestehens, und wir haben die Freude, hier in Kuopio gemeinsam seine Geburtstagsfeier zu begehen. Die Absicht, die diesen Festlichkeiten, besonders dieser Festtagung, zugrunde liegt, erschöpft sich nicht im Überbringen von Glückwünschen und Komplimenten, sondern es gilt, mit Ernsthaftigkeit die historische Bedeutung des Konvents für unsere Kirchen herauszustellen sowie seine Aufgaben und Möglichkeiten in unserer eigenen Zeit wie für die Zukunft zu erklären.
Das Motto der Tagung ‘Brückenbau und Gemeinschaft' führt uns zum Kern des Konvents. Der Kirchenkonvent wurde nach dem Kriege gegründet, um die Verbindung zwischen den lutherischen Kirchen der nordischen Länder und der Evangelischen Kirche Deutschlands aufzubauen und zu pflegen. Brücken wurden gebaut, außer zwischen den nordischen Ländern und Deutschland, in bemerkenswerter Weise auch zwischen Ost- und Westdeutschland. Die jährlichen Tagungen haben eine große Zahl von Theologen und Laien zusammengeführt. Zentrales Ziel in diesen Begegnungen ist die Akzentuierung der kirchlichen Basis und des Gemeindelebens. Der Kirchenkonvent bildet eine lebendige Brücke zwischen unseren Kirchen.
Das Zerbrechen der Grenzen in Europa vor einem Jahrzehnt bedeutete auch für unsere Kirchen und den Kirchenkonvent eine neue Periode. Diese große Wende eröffnete in Europa viele neue Möglichkeiten. Die alten Institutionen hatten und haben weiterhin Schwierigkeiten bei der Bestimmung ihrer Position und Aufgaben. Viele Mauern wurden eingerissen, aber überraschend viele wirtschaftliche und politische Mauern sind bestehen geblieben, ja es wurden auch neue Gräben aufgerissen. So manche Menschen - auch Kirchen - hat das neuen Europa in die Enge getrieben. Die Kirchen haben allen Grund, geschlossen beieinander zu stehen und gegenseitig über die Anlässe für Freud und Leid Bescheid zu wissen, und bei Bedarf auch gemeinsam ihre Stimme gegen die Missstände zu erheben.
In den letzten zehn Jahren wurden zu den Tagungen des Konvents auch Teilnehmer aus den baltischen Staaten, Polen und Russland eingeladen. Die Arbeiten am Brückenschlag des Konvents haben sich auch auf die Schwesterkirchen in diesen Ländern ausgedehnt.
Die Sprachmetapher der Brücke steht uns Finnen sehr nahe. Waren wir doch durch die Jahrhunderte so etwas wie eine Brücke zwischen Ost und West. Unser Leben bezog seine Einflüsse sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen. Wir sind die Vertreter des lutherischen Zweiges der westlichen Kirche, aber in unserem Land, besonders im hiesigen Ostfinnland, sieht und spürt man den Einfluss der orthodoxen Kirche, hier begegnet sich östliche und westliche Christenheit. Wir haben gelernt, dass gerade dort, wo zwei Kulturen aufeinander treffen, das Leben am fruchtbarsten sich entfaltet. Auf hervorragendste Weise kann die Wechselwirkung die eigenen Gedanken und Vorstellungen klären sowie Verständnis und Achtung dem anderen gegenüber steigen lassen.
Verbindung und Brückenschlag mit unseren Schwesterkirchen sind
intensiv zu pflegen, während wir gleichzeitig mit unserer ökumenischen
Arbeit ständig neue Brücken bauen. Gemeinsam gilt es, unsere
Kraft einzusetzen für die Einheit der Kirchen. Wir sind sehr glücklich
darüber, dass die lutherischen Kirchen in diesem Herbst zusammen mit
der römisch-katholischen Kirche eine gemeinsame Verlautbarung zur
Rechtfertigungslehre unterzeichnen werden. Die Jahre engagierten Arbeitens
tragen jetzt ihre Früchte. Das Einvernehmen in den zentralen Punkten
der Rechtfertigungslehre eröffnet Möglichkeiten zu einer sich
weiter vertiefenden Verbindung. Vor einigen Jahren wurde das sogenannte
Abkommen von Porvoo unterschrieben, welches die Schaffung einer engen kirchlichen
Verbindung bedeutete, nämlich die Verknüpfung der anglikanischen
Kirche der Britischen Inseln und Irlands mit der lutherischen Kirche der
nordischen und baltischen Länder. Diese Kirchen erkennen gegenseitig
Ämter und Sakramente an und verpflichten sich, die Mitglieder der
anderen Kirche wie die eigenen zu behandeln. Das sind für unsere Kirche
bedeutsame Schritte gewesen. Mit der russisch-orthodoxen Kirche wie mit
der orthodoxen Kirche Finnlands stehen wir in regelmäßigen,
lehrreichen Informationsgesprächen.
In all' diesen angeführten Beispielen sind wir auf sehr fruchtbare
Weise gefordert, unsere eigene Identität zu prüfen und auch neue
Aspekte unserer reformatorischen Tradition zu entdecken.
Der Nordisch-Deutsche Kirchenkonvent hat Brücken geschlagen mit den nahe stehenden Schwesterkirchen. Das bedeutete Wechselwirkungen, Lernen und Teilen. Auf dieser Festtagung können wir uns nun heranmachen an die Geschichte des Kirchenkonvents, an seine Bedeutung, aber auch an die Herausforderungen, die ihm die Zukunft bringen wird.
Als Gäste unserer Kirche wünsche ich Ihnen allen ein herzliches
Willkommen hier in Kuopio und auf dieser Festtagung.